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← Magazin 08. Mai 2026
Geräte · 13 min

Walkman-Restauration — die Praxis im Mai 2026

Eine Schritt-für-Schritt-Restauration des Sony WM-D6C im Frühjahr 2026 — Capstan-Riemen, Pinch-Roller, Tonkopf-Entmagnetisierung, Alignment mit Referenz-Band. Plus Vergleich mit Aiwa HS-J800 und der WM-EX-Serie, und die aktuelle Lage der Ersatzteil-Versorgung.

Der Sony WM-D6C ist kein Walkman im Sinne des Spaziergänger-Geräts — er ist ein tragbares Studio-Aufnahmegerät, das zwischen 1984 und der Mitte der 90er gebaut wurde, und seit etwa 2018 ist die Restauration dieses Geräts ein eigenes Handwerk geworden. Im Mai 2026 sind die Ersatzteil-Quellen so stabil wie seit Jahren nicht mehr, aber die Preise für funktionierende Originale haben sich seit Januar um etwa 30 % nach oben bewegt. Wir gehen die Restauration in ihrer aktuellen Form Schritt für Schritt durch.

Vor dem Schraubendreher: Diagnose

Bevor das Gehäuse geöffnet wird, müssen drei Fragen beantwortet werden. Erstens: Läuft der Capstan-Motor überhaupt? Wenn nicht, ist das Gerät in der Regel ein Ersatzteillager, kein Restaurations-Objekt. Capstan-Motoren des WM-D6C sind nicht mehr separat erhältlich, nur noch aus Spendergeräten. Zweitens: Wie ist die Bandgeschwindigkeit? Eine Test-Cassette mit 3-kHz-Sinus aus einem digitalen Master, abgespielt und mit einem Frequenz-Zähler oder einer kalibrierten Smartphone-App gemessen, sollte exakt 3000 Hz zeigen — Abweichungen über 1 % deuten auf einen müden Motor oder einen verschlissenen Capstan. Drittens: Wie ist der Gleichlauf (Wow & Flutter)? Wer ein WFM-Messgerät hat, misst direkt; wer keins hat, hört eine Klavier-Aufnahme bei mittlerer Lautstärke und achtet auf das Schweben gehaltener Töne.

Schritt eins: Capstan-Riemen

Der wichtigste Verschleißteil. Originale Sony-Riemen sind seit etwa 2010 nicht mehr lieferbar; aktuell beziehen wir die Riemen aus dem Marantz Service Center Hilversum, das eine erstaunliche Bandbreite an japanischen Cassetten-Geräten beliefert. Der Preis liegt im Mai 2026 bei 12 € pro Riemen, inklusive niederländischer Versandkostenpauschale 16 €. Die Riemen sind nach Originalspezifikation gefertigt — square-cut Querschnitt, präziser Innendurchmesser, EPDM-Material mit der korrekten Shore-Härte.

Der Riemenwechsel selbst ist beim WM-D6C verhältnismäßig zugänglich: das Gerät hat sieben Schrauben am Gehäuseboden, davon drei unter dem Batteriefach-Deckel. Nach Öffnen liegt die Mechanik frei. Der alte Riemen ist meist als zähe schwarze Spur sichtbar, die in den Capstan-Schwungrad-Bahnen klebt. Diese Spur muss vollständig entfernt werden — mit Isopropylalkohol 99 % und einem fusselfreien Tuch. Wer den alten Riemen-Residue nicht entfernt, verkürzt die Lebensdauer des neuen Riemens auf wenige Monate.

Schritt zwei: Pinch-Roller

Der Pinch-Roller — die Gummi-Rolle, die das Band gegen den Capstan presst — ist beim WM-D6C zwischen 35 und 40 Jahre alt, und Gummi diesen Alters ist entweder hart und glasig oder weich und klebrig. Beides ist katastrophal für die Bandführung. Das 3M Pinch-Roller Service Kit, das im Mai 2026 für 28 € erhältlich ist, liefert einen passgenauen Ersatz mit dem korrekten Härtegrad. Der Wechsel benötigt eine spitze Pinzette und Geduld: der alte Roller sitzt auf einer Achse mit einem kleinen Sicherungsring, der unter Spannung steht und gerne verschwindet.

Nach dem Wechsel den neuen Roller mit einem Tropfen Isopropanol abreiben, um eventuelle Fertigungsrückstände zu entfernen. Nicht mit Bremsenreiniger, nicht mit Spiritus — beide greifen den Gummi an.

Schritt drei: Tonkopf-Entmagnetisierung

Tonköpfe magnetisieren sich über die Betriebsjahre selbst auf, und ein magnetisierter Tonkopf färbt jede Wiedergabe mit einer 50-Hz-Modulation und löscht in der höheren Frequenz-Region die feinen Details. Die klassische Lösung ist der Han-D-Mag, ein handgeführtes Entmagnetisierungsgerät, das seit den 80ern unverändert gebaut wird und im Mai 2026 für etwa 95 € neu erhältlich ist (gebraucht 60–75 €).

Anwendung: Han-D-Mag etwa 30 cm vom Gerät entfernt einschalten, langsam annähern bis etwa 2 cm vor den Tonköpfen, mit kreisförmigen Bewegungen ein paar Sekunden über alle Tonköpfe (Aufnahmekopf, Wiedergabekopf, Löschkopf — beim WM-D6C drei separate Köpfe), dann langsam wieder zurückziehen bis 30 cm Entfernung, dann erst abschalten. Wer mitten in der Nähe ausschaltet, magnetisiert den Tonkopf mit einem starken Impuls neu — der Effekt ist das Gegenteil dessen, was beabsichtigt war.

Schritt vier: Alignment mit Referenz-Band

Das Alignment — also die mechanische Justage des Wiedergabekopfes auf den exakten 90-Grad-Winkel zur Bandlaufrichtung (Azimuth) — ist der Schritt, an dem viele Restaurationen aufhören, obwohl er hörbar den größten Effekt hat. Benötigt wird ein Referenz-Band: eine Cassette mit einem 10-kHz-Sinus, die auf einem kalibrierten Studio-Deck (Tascam 122mkIII oder Nakamichi Dragon) aufgenommen wurde. Solche Referenzbänder sind im Mai 2026 bei Tape Head City in den Niederlanden für 45 € pro Stück erhältlich.

Beim Abspielen des Referenz-Bandes ein Tektronix-Oszilloskop oder ein modernes USB-Audio-Interface mit einer Lissajous-Anzeige (Goldwave, Audacity mit Stereo-Vektorskop) anschließen. Die Azimuth-Schraube am Wiedergabekopf — beim WM-D6C zugänglich durch eine kleine Bohrung neben dem Tonkopf-Block — wird mit einem 1,3-mm-Uhrmacherschraubendreher minimal verdreht, bis das Lissajous-Bild eine möglichst dünne Linie bei 45 Grad zeigt. Das ist der Punkt, an dem die linke und rechte Kanal-Phasenlage übereinstimmt.

Vergleich: WM-D6C vs. Aiwa HS-J800 vs. WM-EX-Serie

Der WM-D6C ist das mechanisch aufwendigste und damit auch am leichtesten zu restaurierende Gerät. Drei separate Tonköpfe, ein servo-geregelter DC-Motor, ein massiver Schwungrad-Capstan. Wer das Gerät einmal verstanden hat, kann es zwanzig weitere Jahre fahren. Ersatzteile sind über Marantz Service Center und einige spezialisierte Quellen verfügbar.

Der Aiwa HS-J800 ist das interessanteste Vergleichsgerät — ein tragbarer Recorder mit dolby-S-Rauschunterdrückung, gebaut zwischen 1989 und 1992, mit einer beachtlichen Audio-Qualität. Aber die Mechanik ist deutlich filigraner: kleinere Riemen, schwerer zugängliche Capstan-Lager, und die Pinch-Roller sind aiwa-spezifisch geformt — das 3M-Kit passt nicht. Wer einen HS-J800 restauriert, muss Pinch-Roller aus Spendergeräten kannibalisieren oder bei Soren Brejstrup in Aarhus bestellen, der noch einen Restbestand original-aiwa-Roller hat (im Mai 2026 noch etwa 15 Stück vorrätig, 42 € pro Stück).

Die WM-EX-Serie — die schlankeren Walkmen der späten 90er — ist restaurierungstechnisch die undankbarste Aufgabe. Ein einziger Riemen treibt drei Funktionen an, die Mechanik ist mit Plastik-Zahnrädern verbaut, die regelmäßig brechen, und Ersatzteile sind praktisch nicht mehr verfügbar. Ein WM-EX ist heute eher ein Sammler-Stück als ein restaurierbares Arbeitsgerät.

Ersatzteil-Quellen Mai 2026

Die aktuelle Bezugsquellen-Lage stellt sich so dar:

  • Marantz Service Center Hilversum: Capstan-Riemen (12 €), Andruckrollen-Federn, Schalter-Kontakte. Lieferzeit drei Werktage nach Deutschland.
  • Tape Head City Niederlande: Referenz-Bänder, Tonkopf-Reinigungsmaterial, Han-D-Mag.
  • 3M Service Kit: Pinch-Roller für Sony-Mechaniken (28 €). Über Reichelt und Conrad verfügbar.
  • eBay-Hagen: Eine in Hagen ansässige Privatperson verkauft seit 2017 Restbestände aus einer aufgelösten Sony-Werkstatt — Tonkopf-Blöcke, Capstan-Schwungräder, Servo-Platinen. Die einsame eBay-Truhe, wie das in der Restaurations-Szene heißt. Im Mai 2026 sind dort noch etwa 40 Auktionen aktiv, die Preise sind moderat (zwischen 8 und 60 € pro Teil), aber die Auswahl wird seit Februar spürbar dünner.
  • Soren Brejstrup, Aarhus: Aiwa-spezifische Pinch-Roller, kleine Bestände an Tascam-Capstan-Lagern. Per E-Mail, dänische Mehrwertsteuer rauskürzbar.

Was kostet die komplette Restauration?

Eine vollständige Restauration eines WM-D6C, ausgehend von einem mechanisch funktionierenden, aber lange ungenutzten Gerät, kostet im Mai 2026 etwa: Capstan-Riemen 16 €, Pinch-Roller-Kit 28 €, Tonkopf-Reinigungsset 8 €, Referenz-Band 45 €, Han-D-Mag-Leihe oder Anschaffung 15–95 €. In Summe also zwischen 110 und 195 €, plus die eigene Arbeitszeit, die für einen ersten Versuch realistisch bei sechs bis acht Stunden liegt.

Das ist viel Geld und Zeit für ein Gerät, dessen Funktion in einem Smartphone in fünf Minuten erledigt ist. Aber wer einmal einen restaurierten WM-D6C mit einem frischen Type-II-Band gehört hat, kennt das Argument nicht mehr nur theoretisch.


Ressort: Geräte