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← Magazin 15. Mai 2026
Labels · 11 min

Tape-Labels Mai 2026 — die deutschsprachige Landschaft

Sechs aktive Tape-Labels aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im direkten Vergleich — Auflagenhöhe, Bandtyp, J-Card-Druckverfahren, Preisklasse. Plus eine Bandcamp-Friday-Strategie für den 30. Mai 2026.

Die deutschsprachige Tape-Landschaft hat sich im Frühjahr 2026 spürbar verdichtet. Nach dem Bandcamp-Friday im März, der erstmals seit September 2025 wieder die kritische Marke von 100 verkauften Cassetten pro aktivem Label überschritten hat, schreiben Labels wieder Auflagen über 75 Stück aus. Wir haben sechs Häuser aus Deutschland, Österreich und der Schweiz angefragt und für jedes die aktuellen Produktionsparameter dokumentiert: Auflagenhöhe, IEC-Bandtyp, J-Card-Druckverfahren, Preisklasse pro Stück.

Booth Memorial — Berlin-Neukölln

Booth Memorial ist im fünften Jahr und gehört zur kleinen Spitzengruppe, die konsequent auf Type II setzt. Aktuelle Veröffentlichungen werden auf RTM SM-911 in der Chromdioxid-Variante kopiert, mit 70-µs-EQ und einem Bias-Pegel, der laut Label „auf jeder Restaurations-Tascam 122mkIII nachvollziehbar” eingemessen ist. Die Mai-Veröffentlichung — „Wassersaal” von Linka Hoffer, 38 Minuten Drone und gepitchten Tape-Loops — erscheint in einer Auflage von 90 Stück. J-Cards laufen auf einem Risograph RP-3505 im Mizugi-Druckstudio um die Ecke; zwei Spot-Farben, Sepia und ein blasses Wasserblau, auf 120-g-Curious-Skin. Preis: 14 € plus Versand.

Was Booth Memorial in dieser Saison interessant macht, ist die konsequente Beilage einer gefalteten Insert-Karte mit den Aufnahmeparametern: Bias-Spannung, Pegel-Reserven, EQ-Curve. Ein kleines Detail, das eine spezifische Community adressiert — Hörerinnen und Hörer, die auf einer kalibrierten Maschine abspielen und wissen wollen, was sie hören sollen.

Total Black Wien — Margareten

Total Black hat im April das fünfundzwanzigste Release veröffentlicht. Auflagen sind klein, meist 50 Stück, immer Type II, immer ATR Magnetics oder die letzten RTM-Restbestände, die das Label im Frühjahr 2025 aus einem aufgelösten Hamburger Studio aufgekauft hat. Die aktuelle Tape, „Steirisches Lichtfeld” von Maria Pott, läuft auf 60 Stück mit besonderem Detail: die ersten 20 Exemplare kommen mit handnummerierter Polaroid-Beilage, was eine zweite Preisklasse rechtfertigt — 22 € für die Polaroid-Edition, 16 € für die Standardauflage.

J-Cards druckt Total Black bei Riso-Studio Lindenstraße in Berlin, weil das einzige Wiener Risograph-Studio im Februar Insolvenz angemeldet hat. Drei Spot-Farben, mit gelegentlichen Trapping-Fehlern, die das Label inzwischen als Signatur kuratiert.

Pingipung Hamburg — Schanze

Pingipung ist unter den hier vorgestellten Labels das einzige, das Vinyl und Tape parallel veröffentlicht und die Tape-Edition als eigenständige Künstlerentscheidung versteht, nicht als Promo-Format. Aktuelle Veröffentlichung im Mai: „Sankt Pauli, halb sechs” von Felix Kubin, eine 47-Minuten-Komposition, die explizit für die Tape-Wiedergabe — inklusive der Sättigungs-Artefakte ab 12 kHz — gemastert wurde. Auflage 120 Stück, Type II auf RTM SM-911, Pegel deutlich heißer als sonst gefahren (+3 dB VU im Schnitt), bewusst an die Sättigungsgrenze.

J-Cards bei Drucken3000 in Hamburg-Altona, drei Farben Riso auf 100-g-Munken-Print. Preis: 18 € — die obere Liga, gerechtfertigt durch eine sechsseitig gefaltete Innenseite mit Notizen des Künstlers und der Aufnahme-Geschichte.

Genot Centre — Wien / Prag

Genot Centre operiert zweisprachig und mit zwei Lagerstandorten. Die Tape-Releases im Mai sind „Hyperthread Vol. III” (Compilation, 14 Tracks, 92 Stück Auflage) und eine Solo-Tape von Dis Fig, „Gradients”, auf 75 Stück. Beide auf Type II, mit dem Detail, dass Genot inzwischen alle Master selbst auf einer restaurierten Studer A810 auf 19 cm/s-Bandmaschine schneidet, bevor das Material zur Tape-Kopier-Anlage geht. Diese Zwischenstufe — Master auf Halbzoll-Tape, dann erst Cassette — ist hörbar in der Tiefenstaffelung und einer gewissen Wärme im Mittenbereich.

Risograph-Druck bei Mizugi Berlin, zwei Farben, fluoreszierendes Orange als zweite Farbe. Preis: 15 € beziehungsweise 17 € für die Solo-Tape.

Macadam Mambo — basiert in Lyon, aktiv in der DACH-Region

Wir nehmen Macadam Mambo trotz Frankreich-Standort in den Survey auf, weil drei der sechs Mai-Releases von Künstlerinnen und Künstlern aus Berlin, Zürich und Linz stammen und das Label hier eine erstaunliche Reichweite hat. Aktuelles deutschsprachiges Release: „Murauer Modulation” von Vinz K. — Auflage 100, Type II, auf restaurierten Maxell-XLII-Restbeständen aus einer aufgelösten Großhandelslieferung von 2024.

J-Cards lasercut-perforiert, Riso-Druck in Lyon, Versand nach Deutschland und Österreich pauschal in Bündeln einmal im Monat — Bestellungen für den Mai werden bis zum 28. zusammengefasst. Preis: 16 €.

Marionette Zürich

Die Zürcher Marionette ist das kleinste Label im Survey, mit Auflagen zwischen 30 und 50 Stück, dafür preislich konsequent niedrig: 11 € pro Tape, was bei der Schweizer Lebenshaltungskosten-Realität bemerkenswert ist. Aktuelles Mai-Release ist eine Doppel-Tape von Ndagga Rhythm Force, „Zürichsee-Variationen Vol. 1+2”, die als Box mit zwei Type-I-Tapes auf RTM SM-468 (Eisenoxid, 120 µs EQ) verkauft wird — eine bewusst zurückgenommene Wahl, weil das Material rhythmisch und ohnehin nicht im Hochfrequenzbereich angesiedelt ist.

J-Cards bei einem kleinen Risograph-Studio in Winterthur, eine Farbe, schwarz auf 80-g-Recycling. Die ästhetische Disziplin ist hier Programm: monochrom, knapp, ohne Effekt.

Eddingsten Klang — Halle (Saale)

Eddingsten Klang hat im Februar 2026 den Sprung von Auflagen-Niveau 30 auf 70 gewagt und damit erstmals eine Dubbing-Anlage extern gebucht (vorher: alles auf einer Tascam 122mkIII im Schlafzimmer, ein Tape nach dem anderen, Echtzeit). Mai-Release: „Saale-Wassermark” von Theo Beyl, ein dreißigminütiger Konzeptualismus rund um Hydrophon-Aufnahmen des Saale-Hochwassers im Januar. 65 Stück, Type II auf ATR Magnetics, mit der Besonderheit, dass die zweite Tape-Seite den selben Track in einer 50-%-Wiedergabe-Geschwindigkeits-Variante enthält — explizit dokumentiert in der J-Card-Liner-Note. Preis: 13 €.

J-Cards bei Drucken3000 Hamburg, zwei Farben, Munken-Print 100 g.

Bandcamp-Friday-Strategie für den 30. Mai 2026

Der nächste Bandcamp-Friday — der Tag, an dem Bandcamp seine Verkaufs-Provision aussetzt und Labels den vollen Umsatz behalten — fällt auf den 30. Mai 2026. Drei Empfehlungen, falls Sie an diesem Tag selbst veröffentlichen oder gezielt einkaufen:

Erstens: Veröffentlichungen sollten um 16:00 Uhr deutscher Zeit live gehen, nicht um Mitternacht. Die Bandcamp-Analytics-Auswertung der letzten zwölf Friday-Zyklen zeigt, dass der Verkaufs-Peak zwischen 17:00 und 19:00 Uhr deutscher Zeit liegt, weil US-Käuferinnen morgens um neun Uhr Pacific Time einkaufen.

Zweitens: Wer eine Auflage über 50 Stück hat, sollte am Tag selbst nicht alle Exemplare freigeben. Eine Staffelung — 30 Stück um 16:00 Uhr, weitere 30 Stück um 20:00 Uhr — erzeugt zwei Sold-out-Momente und entsprechend zwei Aufmerksamkeitsspitzen in den Bandcamp-Feeds.

Drittens: J-Cards und Beilagen, die nicht bei der Bestellung sondern erst eine Woche später separat versendet werden, lassen sich nutzen, um den Käufer-Kontakt über den Verkauf hinaus zu verlängern. Booth Memorial macht das seit zwei Jahren mit der Insert-Karte und hat eine Wiederkaufrate, die andere Labels in der Auflagengröße nicht erreichen.

Wer am 30. Mai gezielt einkaufen will: Pingipungs Felix-Kubin-Tape ist im Mai-Vorverkauf bereits zur Hälfte vergeben — die zweite Hälfte geht erst am Bandcamp-Friday live. Marionette Zürich kündigt eine Limited Edition mit zehn handnummerierten Exemplaren der Ndagga-Doppel-Tape an, die ausschließlich am 30. Mai verkauft wird.


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