J-Cards auf der Risograph — das Cover-Design im Mai 2026
Das Format der J-Card im Detail, der Riso RP-3505 als DIY-Standardmaschine, drei Berliner und Hamburger Druckstudios im Vergleich, Papier-Wahl von Munken-Print bis Curious-Skin, typografische Klassiker der Industrial- und Synth-Tape-Ära. Plus eine Kostenkalkulation für eine 75-Stück-Auflage.
Die J-Card — das gefaltete Pappstück, das in die Cassetten-Hülle eingeschoben wird — ist im Cassette-Universum das einzige Druckerzeugnis, das in jeder einzelnen Edition vorkommt. Im Mai 2026 hat sich der Druck dieser J-Cards fast vollständig auf eine Maschine konsolidiert: den Risograph RP-3505 oder einen seiner direkten Verwandten. Wir gehen das J-Card-Format technisch durch, schauen uns drei aktive Druckstudios an und kalkulieren am Ende eine realistische Auflage durch.
Das J-Card-Format, exakt
Eine Standard-J-Card misst 101 × 102 mm in der ungefalteten Hauptfläche, plus eine Falz mit 14 mm für den Type-Hinweis (Bandtyp, Spielzeit) am unteren Rand der Frontseite. Die Rückseite — die im verschlossenen Zustand sichtbare Schmalseite der Cassetten-Hülle — hat 6 mm Höhe. Eine erweiterte J-Card (oft als „Wallet” bezeichnet) faltet sich auf 101 × 204 mm und bietet damit eine doppelt so große Fläche für Liner-Notes, Tracklists und Bildmaterial.
Wer eine J-Card layoutet, arbeitet praktisch immer mit einem Master-Bogen, der mehrere J-Cards auf einem A3-Format kombiniert — typisch acht Stück pro A3-Bogen, was bei einer 75-Stück-Auflage zehn A3-Bogen ergibt (mit ein paar Reserve-Exemplaren für Druckfehler, Verschnitt, Probeabzüge). Das Schneiden erfolgt nach dem Druck mit einem Hebelschneider; präzise Falzungen am Type-Hinweis braucht eine Falzhilfe oder zumindest ein angeritztes Maß.
Risograph RP-3505 — die DIY-Standardmaschine
Der Risograph RP-3505 ist seit den späten 90ern die dominante Maschine im DIY-Druckumfeld. Das Druckverfahren ist eine Schablonen-Technik: für jede Farbe wird eine Master-Schablone gebrannt, die dann mit einer Trommel-Walze über das Papier rollt und Tinte durch die Schablonenlöcher drückt. Das Ergebnis hat eine charakteristische Optik: leicht versetzte Farbflächen, gelegentliche Trapping-Fehler, eine Tinte, die nach dem Druck noch eine Weile feucht bleibt und auf Folge-Bögen abfärben kann.
Riso-Tinten gibt es in etwa 30 Standardfarben, die in der Maschine als eigene Trommel-Einheit getauscht werden — eine Farbe pro Trommel, eine Trommel pro Druckgang. Eine zweifarbige J-Card bedeutet also: erst Trommel A einlegen, alle Bögen durchlaufen lassen, dann Trommel B einlegen, alle Bögen ein zweites Mal durchlaufen lassen. Die Trommel-Wechsel sind beim RP-3505 noch manuell; neuere Modelle haben automatische Trommel-Magazine, aber der RP-3505 ist die in den DIY-Studios verbreitete Maschine geblieben, weil sie robust und für Ersatzteile gut versorgt ist.
Drei aktive Druckstudios
Mizugi-Druckstudio Berlin (Neukölln). Mizugi ist seit 2019 aktiv, betreibt zwei RP-3505 parallel und hat sich auf Tape-Labels und Buch-Editionen spezialisiert. Im Mai 2026 sind die Wartezeiten bei etwa drei Wochen für eine Auflage unter 100 Bogen. Preise: 0,85 € pro A3-Bogen für die erste Farbe, 0,65 € pro Bogen für jede weitere Farbe. Mizugi führt im Mai 2026 28 Standardfarben und drei spezielle Sonderfarben (ein dunkles Petrol, ein gebrochenes Olivgrün, ein hellem Senfgelb), die nur in Berlin verfügbar sind und in der Tape-Szene als „Mizugi-Trio” bekannt sind.
Riso-Studio Lindenstraße (Berlin Kreuzberg). Etwas älter als Mizugi, seit 2016 aktiv, betreibt drei Riso-Maschinen unterschiedlicher Baujahre (RP-3105, RP-3505, GR-3750). Spezialisiert auf größere Auflagen und schnelle Durchlaufzeiten — eine 200-Bogen-Auflage in zwei Farben lässt sich hier in einer Woche umsetzen, wenn die Maschinen-Belegung passt. Preise leicht höher als bei Mizugi, etwa 0,95 € pro Bogen Erstfarbe.
Drucken3000 Hamburg (Altona). Das Hamburger Pendant, seit 2020 aktiv. Drucken3000 hat den Vorteil einer ausgeprägten Papier-Auswahl — neben den Standard-Munken-Sorten führen sie auch eine kleine Auswahl an Manufakturpapieren aus Skandinavien und eine Restbestands-Auswahl an japanischen Papieren aus einer aufgelösten Lieferung von 2024. Preise vergleichbar mit Mizugi, Wartezeit im Mai 2026 bei etwa vier Wochen.
Papier-Wahl
Die Papierwahl ist die zweite Schlüsselentscheidung neben der Farb-Zahl. Drei Sorten dominieren die Tape-Label-Praxis im Mai 2026:
100-g-Munken-Print. Das Brot-und-Butter-Papier, ein leicht warmer Offwhite-Ton, ungestrichen, mit einer sehr guten Riso-Tinten-Aufnahme. 100 g/m² ist die Standardstärke für J-Cards — leicht genug, um sich präzise zu falten, schwer genug, um nicht im Cassetten-Cover zu wellen. Preis im Großbogen-Einkauf bei Druckstudios: etwa 0,12 € pro A3-Bogen Materialwert.
120-g-Curious-Skin. Ein gestrichenes Papier mit einer leicht texturierten Oberfläche, etwas fester als Munken, mit einer sehr eleganten Haptik. Riso-Tinten saugt es weniger ein, was zu sattereren Farben, aber auch zu längeren Trocknungszeiten führt. Curious-Skin in beige, weiß oder zart-grau wird häufig für „premium”-Editionen verwendet — Booth Memorial nutzt es konsequent. Materialwert: 0,28 € pro A3-Bogen.
80-g-Recycling. Ein graues bis bräunliches Papier mit sichtbaren Fasern, deutlich günstiger und ästhetisch klar positioniert. Riso-Tinten erscheinen darauf gedämpfter, was bei richtig gewählter Farbpalette (Schwarz und ein Sonderton, oft Rot oder Senfgelb) sehr stilvoll wirkt. Marionette Zürich druckt fast ausschließlich auf 80-g-Recycling. Materialwert: 0,08 € pro A3-Bogen.
Typografische Klassiker
Die J-Card-Typografie hat — vielleicht überraschend — eine sehr enge Auswahl an etablierten Klassikern, die in der Tape-Szene Generation für Generation neu interpretiert werden.
Helvetica Bold Italic, gesetzt im Stil der 1979er Industrial-Welle. Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire, die ersten SPK-Cassetten — alle in einer harten, fast technischen Helvetica-Setzung, oft mit großer Buchstabensperrung, oft in einer einzigen Spot-Farbe gegen eine kontrastierende Hintergrundfläche. Die Wiederbelebung dieser Ästhetik ist seit etwa 2018 stabil und im Mai 2026 unverändert präsent — etwa die Hälfte aller Drone- und Noise-Tapes, die wir in den letzten sechs Monaten gesehen haben, arbeitet typografisch in dieser Tradition.
ITC Avant Garde Gothic, die Synth-Tape-Ära der frühen 80er. Eine humanistische Sans, charakterisiert durch ihre extreme Buchstabenversion (großes Q mit langer Schweif, A mit hohem Querbalken, M mit gespreizten Außenseiten), die in den frühen 80ern auf den Cover-Designs von Synthi-Pop-Labels (Mute, Factory) und damit auch auf vielen Tape-Editionen dieser Ära auftauchte. Wer im Mai 2026 ein Synth-Tape gestaltet, greift mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Avant Garde — die Schriftart ist in der OpenType-Variante seit ein paar Jahren so präzise digitalisiert, dass die historische Anmutung exakt rekonstruierbar ist.
Schwabacher und gebrochene Schriften für die experimentellen und Folk-affinen Tape-Editionen. Eine kleine, aber stabile Sub-Szene arbeitet mit historischen Frakturen, oft handschriftlich übersetzt, oft als reine Titel-Setzung über sonst nüchternem Sans-Body-Text.
Monospaced Schriften (IBM Plex Mono, Departure Mono, alle direkt aus Computer-Terminal-Ästhetik) für die digitale, glitch-affine Tape-Editionen, die zwischen Vaporwave-Erbe und neuer Konzeptualität operieren.
Kostenkalkulation: 75-Stück-Auflage, zwei Farben, Munken 100 g
Wir rechnen eine konkrete Auflage durch — die in den letzten Wochen am häufigsten gesehene Konstellation in den Labels, die wir in Magazin betrachtet haben.
- Auflage: 75 Cassetten, also 75 J-Cards plus 5 Reserve-Exemplare = 80 Stück
- Bogen pro J-Card: 1 (mit 8 J-Cards pro A3-Bogen, ergibt 10 A3-Bogen + 1 Reserve = 11 Bogen)
- Farben: 2 (Schwarz plus eine Riso-Sonderfarbe, zum Beispiel Mizugi-Senf oder Fluor-Orange)
- Papier: 100-g-Munken-Print
Druckkosten Mizugi (Stand Mai 2026):
- 11 A3-Bogen × 0,85 € (Erstfarbe Schwarz) = 9,35 €
- 11 A3-Bogen × 0,65 € (Zweitfarbe) = 7,15 €
- Schneiden auf Endformat: pauschal 12,00 €
- Master-Pauschale (zwei Master): 14,00 €
- Druckkosten netto: 42,50 €
Plus Material (Papier ist meist inklusive bei Mizugi), plus Mehrwertsteuer, plus Versand nach Deutschland (etwa 8,90 € für ein A3-Paket).
Gesamtsumme: etwa 85 € inclusive Versand.
Bei einer Auflage, die mit 14 € pro Cassette verkauft wird, ergibt sich eine J-Card-Kostenposition von etwa 1,13 € pro Cassette — eine deutlich vertretbare Größe, vor allem im Vergleich zur Material-Kostenposition für das Band selbst (RTM SM-911 bei 6,80 € pro Cassette macht den Hauptteil der Materialkosten aus).
Wer auf 120-g-Curious-Skin wechselt, addiert etwa 18 € auf die Druckkosten — also rund 1,35 € pro Cassette J-Card-Kosten. Wer auf 80-g-Recycling wechselt, spart etwa 8 € — also rund 1,02 € pro Cassette. Die Materialwahl ist also keine Cashflow-Frage; sie ist eine reine Ästhetik-Entscheidung, die genauso präzise getroffen werden muss wie die Bandtyp-Wahl.