Type II vs. Type IV — der Bandtyp-Vergleich im Mai 2026
Die IEC-Klassifikation der Cassette-Bandtypen erklärt — von Eisenoxid bis Metal-Partikel — und ein Hörtest unter Studio-Bedingungen mit RTM SM-911 (Type II) gegen ATR Magnetics Type IV, beide auf einer kalibrierten Tascam 122mkIII, gemessen mit Tektronix-Oszilloskop.
Die Bandtypen-Frage ist seit den späten 70ern formal geklärt — die IEC hat die Cassetten-Bänder in vier Klassen sortiert — und doch trifft die praktische Entscheidung zwischen Type II und Type IV ein Tape-Label im Mai 2026 jeden Monat aufs Neue, weil Preisdifferenz und Klang-Differenz nicht im gleichen Verhältnis stehen. Wir gehen die IEC-Klassifikation systematisch durch und stellen einen kontrollierten Hörtest, der diese Woche im Studio durchgeführt wurde, dazwischen.
Die IEC-Klassifikation, kurz erklärt
Die International Electrotechnical Commission hat zwischen 1971 und 1979 vier Bandtypen festgelegt, die sich durch das magnetische Material und die daraus resultierenden Eigenschaften unterscheiden.
Type I — Eisenoxid (Ferric). Das ursprüngliche Cassetten-Band, ab 1963 von BASF und 3M produziert. Magnetisches Material ist Eisenoxid (Fe2O3). Bias-Anforderung: das, was die ersten Cassetten-Geräte als Standard-Bias liefern — etwa 50–60 % des Pegels, der bei Type II benötigt wird. EQ-Konstante in der Wiedergabe: 120 µs (entspricht einer Tieftonanhebung von etwa 1320 Hz). Type I ist nicht zwingend schlechter, nur älter — moderne RTM SM-468 oder ATR Master 1 in Type-I-Variante können bei richtiger Pegelfahrt klanglich mit Type II konkurrieren, vor allem bei rhythmischer Musik, die nicht im Hochfrequenzbereich entscheidet.
Type II — Chromdioxid (Chrome / CrO2). Ab 1971 zunächst von DuPont entwickelt, dann von BASF als Lizenz produziert. Magnetisches Material: Chromdioxid (CrO2) oder, ab den 80ern zunehmend, dotiertes Eisenoxid mit chromdioxid-ähnlichen Eigenschaften (Pseudo-Chrome). Bias-Anforderung: etwa 150 % des Type-I-Bias. EQ-Konstante: 70 µs, was die Höhen weniger anhebt und damit das natürlich höhere Rauschen des Type-I-Bandes vermeidet. Im Frequenzgang oberhalb 8 kHz hat Type II gegenüber Type I etwa 4–6 dB Reserve.
Type III — Ferrichrom. Eine zweischichtige Konstruktion mit einer Eisenoxid-Schicht (für die tiefen Frequenzen) und einer dünnen Chromdioxid-Deckschicht (für die hohen Frequenzen). EQ: 70 µs. Produziert hauptsächlich zwischen 1974 und 1982, danach von den verbesserten Type-II-Formulierungen verdrängt. Im Mai 2026 praktisch nicht mehr produziert; auf dem Sammlermarkt gelegentlich noch ungebrauchte Sony-FeCr-Cassetten der späten 70er, zu Preisen, die jeden Praxis-Einsatz ausschließen.
Type IV — Metal-Partikel (Pure Metal). Ab 1979 von TDK eingeführt. Magnetisches Material: reine Metallpartikel (Fe-Co-Ni-Legierung) statt Oxide. Bias-Anforderung: etwa 250 % des Type-I-Bias, was historisch viele Geräte überfordert hat und einen separaten Type-IV-Schalter notwendig machte. EQ: 70 µs. Frequenzgang: deutlich über 18 kHz, mit einer Dynamikreserve, die theoretisch CD-Niveau erreichen kann, in der Praxis aber von der Gerätequalität und vom Tonkopf-Spalt limitiert ist.
Der Hörtest: gleiche Quelle, zwei Bänder
Wir haben in der vergangenen Woche im Studio einen kontrollierten Hörtest durchgeführt. Quellmaterial: ein 24-bit-/96-kHz-Master einer aktuellen Studio-Aufnahme — Streichquartett, vier Mikrofone, Coincidental-Stereo-Aufstellung, sehr aufgeräumter Klang mit viel Information oberhalb 10 kHz. Aufnahmegerät: eine in der vergangenen Woche neu kalibrierte Tascam 122mkIII (Bias-Einstellung mit hauseigenem Test-Ton, Pegel-Kalibrierung auf 0 dB VU = -10 dBu).
Zwei Bänder, beide aus dem aktuellen Lagerbestand:
- RTM SM-911 (Type II), im April direkt von RTM in Avon, Frankreich, bezogen, 6,80 € pro C90-Cassette in 25er-Bündel.
- ATR Magnetics Type IV, im März aus den USA importiert (ATR Magnetics in York, Pennsylvania), 11,50 € pro C90-Cassette plus US-Importzoll, was effektiv auf etwa 14 € pro Cassette herausläuft.
Die Maxell-Restbestände vom 2024-Großhandelsabverkauf — Maxell XLII-S, Type II, etwa 12 € pro Stück, in den Tape-Label-Kreisen begehrt — haben wir zum Quervergleich angehört, aber nicht in die formale Messung aufgenommen.
Messung mit Tektronix-Oszilloskop
Die Messung erfolgt in zwei Schritten: erstens ein 30-Sekunden-Sinus-Sweep von 20 Hz bis 20 kHz bei -10 dB VU, zweitens ein 30-Sekunden-Rosa-Rauschen-Block bei 0 dB VU. Wiedergabe mit der gleichen Tascam-Maschine (eine zweite Tascam wurde als Vergleichs-Decoder bereitgehalten, ergab aber keine signifikanten Abweichungen). Ausgangssignal in das Tektronix TDS 2024C, Echtzeit-FFT.
Ergebnis Frequenzgang RTM SM-911 (Type II):
- 20 Hz – 8 kHz: praktisch linear, Abweichungen unter 0,5 dB
- 8 kHz – 14 kHz: -1,2 dB (durchschnittlich)
- 14 kHz – 18 kHz: -3,5 dB
- über 18 kHz: -6 dB und fallend
Ergebnis Frequenzgang ATR Magnetics Type IV:
- 20 Hz – 14 kHz: linear, Abweichungen unter 0,5 dB
- 14 kHz – 18 kHz: -1,0 dB
- über 18 kHz: -2,5 dB
- Reserve bis etwa 21 kHz noch messbar
Die Differenz im messbaren Frequenzgang ist also vorhanden, aber überschaubar — etwa 3 dB Reserve im Bereich über 14 kHz zugunsten von Type IV. Bei 8 kHz und darunter ist messtechnisch kein Unterschied feststellbar.
Der Hörbefund
Drei Hörer (zwei Mastering-Engineers, eine professionelle Streicherin) haben am späten Vormittag, frische Ohren, bei moderater Lautstärke (Genelec 8030C, Hörabstand 1,5 m) jeweils 30-Sekunden-Ausschnitte beider Bänder gegen die Quelle und gegeneinander verglichen. Reihenfolge randomisiert, doppelblind.
Übereinstimmend wurde Type IV im obersten Frequenzbereich als „klarer” und „luftiger” beschrieben — die Position der Streicher im Raum, die Bogen-Geräusche im Bratschen-Part, die Reverb-Fahne nach den Pizzicato-Anschlägen. Type II klang dort eine Spur dunkler, eine Spur kompakter. Im Bass und im Mittenbereich war kein Hörer in der Lage, blind den Bandtyp zu identifizieren — die Type-II-Aufnahme klang in der Stimmgrundlage und im Cello-Holz exakt so wie die Type-IV-Aufnahme.
Interessanter wurde es bei einem zweiten Quellmaterial — einer Drone-Aufnahme aus dem Booth-Memorial-Katalog, dichtes Frequenz-Geflecht im Bereich 200 Hz bis 4 kHz. Hier waren die beiden Bandtypen praktisch ununterscheidbar. Ein Hörer hat tatsächlich Type II als Type IV identifiziert, was statistisch im Zufallsbereich liegt.
Wann reicht Type II, wann ist Type IV den Aufpreis wert?
Aus dem Hörtest und der Messung ergibt sich eine pragmatische Entscheidungsregel.
Type II reicht aus: bei Drone, Noise, Industrial, Synth, Techno, Dub, Rap, allem mit dichtem Mittenbereich oder gezielt verhalltem Klang. Bei Stimme. Bei klassischer Musik mit konventionellem Hallraum (Kirche, Konzertsaal). Bei alten Sample-basierten Tracks, deren Quellmaterial ohnehin schon im Bandbereich angesiedelt ist.
Type IV ist den Aufpreis wert: bei sehr trocken aufgenommener akustischer Musik mit feinen Höhen-Details (Streichquartett, Soloklavier, gezupfte Gitarre, akustische Folk-Aufnahmen mit Atemgeräuschen). Bei elektronischer Musik mit sehr hohen Frequenz-Spitzen (Hi-Hats, Crash, FM-Synthese mit harmonischer Brillanz). Bei Audiophilen-Editionen, bei denen die Tape selbst als Produkt-Versprechen kommuniziert wird.
Bei einer Auflage von 75 Stück und einer Preisdifferenz von 7 € pro Cassette ergibt sich ein Material-Mehrpreis von 525 €. Wer diese 525 € auf den Verkaufspreis umlegt, kommt bei einer Type-IV-Auflage auf etwa 7 € Aufpreis pro Cassette. In den meisten Fällen — siehe oben — rechtfertigt das Hörerlebnis diesen Aufpreis nicht. In den richtigen Fällen tut es das deutlich.
Die Maxell-Restbestände, die in den Tape-Label-Kreisen seit zwei Jahren als die romantische Mittelweg-Option gehandelt werden (Type II, aber mit der Materialqualität japanischer Produktion der 90er), liegen klanglich tatsächlich näher an RTM SM-911 als an ATR Type IV. Wer die 12 € pro Maxell-Cassette zahlt, zahlt für Nostalgie und Knappheit, nicht primär für messbare Klangqualität.